#8 FolklorePorträt

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 Wahnsinnig verliebt
in die
   Natur

Als Gründering des Bloom Magazins – dem ersten künstlerischen Magazin, das die wichtigsten Trends im Gartenbau analysierte – kann sich Lidewij Edelkoort zu Recht als Expertin bezeichnen, wenn es darum geht, die Schönheit der Natur zu feiern. Lassen Sie uns in ihren übersprudelnden Geist eintauchen! Ein blumiges Porträt von Li Edelkoort, eine der weltweit führenden Trendforscherinnen unserer Zeit _______.

Ein Blick in die Zukunft

Trendvorhersagen lassen sich nicht mal eben treffen, wie man vielleicht denken könnte. Es geht darum, zukünftige Konsumenteneinstellungen, Lebensstile und wirtschaftliche Trends zu identifizieren und zu analysieren. Um dann über Silhouetten in der Mode zu berichten, Farbprognosen zu erstellen sowie Trends in der Innenarchitektur und florale Neuheiten vorzustellen. Ein Trendforscher kann letztlich auch nicht die Zukunft in einer Glaskugel sehen. Es geht darum herauszufinden, wo in der Gesellschaft in vorhandenen Dingen neue Ideen aufblitzen (zum Beispiel in einem faszinierenden Gewebe, einer geschickten Anordnung von Objekten, einer isolierten Form, einer neuen Farbkombination auf der Straße usw.) und darum, diesen Elementen entweder eine neue Bedeutung zu geben oder sie neu zu kombinieren, um eine Vision zu skizzieren.

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Fotographie Liliroze, Amira Fritz, Marie Taillefer und Lucas Golen

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Pflanzenensemble

Hibiskus, Eustoma, Dahlie, Agapanthus, Kaktus, Cordyline, Pfingstrose, Ligustrum, Phoenix, Crocosmia, Amaranthus, Strelizia, Tulpe

Ein Blick in die Zukunft

Trendvorhersagen lassen sich nicht mal eben treffen, wie man vielleicht denken könnte. Es geht darum, zukünftige Konsumenteneinstellungen, Lebensstile und wirtschaftliche Trends zu identifizieren und zu analysieren. Um dann über Silhouetten in der Mode zu berichten, Farbprognosen zu erstellen sowie Trends in der Innenarchitektur und florale Neuheiten vorzustellen. Ein Trendforscher kann letztlich auch nicht die Zukunft in einer Glaskugel sehen. Es geht darum herauszufinden, wo in der Gesellschaft in vorhandenen Dingen neue Ideen aufblitzen (zum Beispiel in einem faszinierenden Gewebe, einer geschickten Anordnung von Objekten, einer isolierten Form, einer neuen Farbkombination auf der Straße usw.) und darum, diesen Elementen entweder eine neue Bedeutung zu geben oder sie neu zu kombinieren, um eine Vision zu skizzieren.

„Einen Trend zu identifizieren, ist ein kontinuierlicher Gestaltungsprozess. Dazu gehört eine Reihe von Beobachtungen – Neugier, das Entschlüsseln und Sammeln von Informationen und Intuition. So erschaffe ich eine Art persönliches Archiv. Sobald eine Idee eine gewisse Sättigung erreicht hat, taucht sie von selbst einfach auf. Der Auslöser kann aber auch ein einzelnes Bild sein. Trendprognosen haben sehr viel mit der Archäologie gemeinsam, da sie sich mit dem Sammeln und Interpretieren von Fragmenten einzelner Informationen beschäftigen", erläutert Li Edelkoort (red. Designboom). Wenn man ihre Beratungstätigkeit für große Marken und auch für kleinere unabhängige Designer betrachtet, wäre die Behauptung, dass Edelkoorts Einfluss weitreichend ist, eine glatte Untertreibung. Lidewijs Trendprognose ist „die Bibel“ vieler Produktentwicklungsabteilungen – eine echte Referenz für die Entwicklung neuer Designs, Formen, Farbtöne und des optimalen Verpackungs-Designs.

„ALS VERLETZLICHE WÄCHTER DES LANDES TEILEN WIR DIE ERDE MIT UNSEREN PFLANZEN UND BÄUMEN_______.“

Bescheidene Blume

Das Time Magazin zählte Lidewij zu den einflussreichsten Menschen. Auch das Wallstreet Journal schrieb über sie. Und die New York Times. Das Online-Designjournal Designboom bezeichnete sie als Visionärin. Edelkoorts Einschätzung von sich selbst ist jedoch viel bescheidener. In einem Interview mit Linda Tischler sagt sie über sich selbst: „Die Leute denken, ich würde über so eine Art Gypsy-Mystik verfügen. Aber in Wirklichkeit bin ich einfach nur sehr aufmerksam. Denn dann kann ich aus voller Überzeugung sagen, woran ich glaube.”

09_Lidewij-Edelkoort

Pflanzenensemble

Hibiskus, Eustoma, Dahlie, Agapanthus, Kaktus, Cordyline, Pfingstrose, Ligustrum, Phoenix, Crocosmia, Amaranthus, Strelizia, Tulpe

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Fotographie Liliroze, Doswell und McLean, Jasmin Storch und Ruy Teixeira

Bescheidene Blume

Das Time Magazin zählte Lidewij zu den einflussreichsten Menschen. Auch das Wallstreet Journal schrieb über sie. Und die New York Times. Das Online-Designjournal Designboom bezeichnete sie als Visionärin. Edelkoorts Einschätzung von sich selbst ist jedoch viel bescheidener. In einem Interview mit Linda Tischler sagt sie über sich selbst: „Die Leute denken, ich würde über so eine Art Gypsy-Mystik verfügen. Aber in Wirklichkeit bin ich einfach nur sehr aufmerksam. Denn dann kann ich aus voller Überzeugung sagen, woran ich glaube.”

„ALS VERLETZLICHE WÄCHTER DES LANDES TEILEN WIR DIE ERDE MIT UNSEREN PFLANZEN UND BÄUMEN_______.“
Portrait of a flower

Porträt einer Blume

Das genau ist ihre Herangehensweise. „Ein schönes Porträt öffnet die Seele“, stellt Lidewij Edelkoort im Eröffnungssatz ihres Trend-Notebooks für Herbst-Winter 2018/2019 fest. Porträts können sogar in einer Blume versteckt werden. „Die Macht der Blumen reicht über alles andere hinaus. Blumen sind in den meisten Kulturen ein intrinsischer Teil der Porträtmalerei. Sie sind ein Symbol, haben den Charakter einer Ikone und sehr häufig ist die Blume selbst Gegenstand der Malerei. Blumen umrahmen ein Gesicht oder schmücken ein Dekolleté. Duftende botanische Elemente, in weichen Farben, haben eine ähnliche Wirkung wie Pelze, Federn oder Schmuck: Sie verschönern den Träger und verleihen dem Motiv eine gewisse natürliche Eleganz. Am Rande einer Kapuze, am Saum eines Kleides oder als diffuse Randerscheinung, sehen die Blumen schwebend und zart aus. Die verblassenden Farben der Hortensie sind ein Ausdruck des Spätsommers, kurz bevor die Blüten in den Herbst übergehen.”

Das Reich der Pflanzen

Was Edelkoort betrifft, verleihen Blumen einer emotionalen Beziehung eine weitere Dimension, die der Konsument erleben möchte. 1998 rief sie „Bloom“ als Kult-Magazin ins Leben. Es hat wesentlich dazu beigetragen, dass Blumen in der Öffentlichkeit mit anderen Augen betrachtet werden. Indem sie die Welt der Blumen zusammen mit Kunst, Design, Food und Schönheit in einen größeren kulturellen Zusammenhang gesetzt hat, öffnete sie ein Fenster für einen völlig neuen Blick auf die Natur. Von der Symbolik der Blumen bis zum jahreszeitlichen Zyklus von Tod und Wiedergeburt, von homöopathischen Schönheitsbehandlungen bis zu essbaren Blüten ist das Pflanzenreich der Ausgangspunkt für zahlreiche menschliche Erfahrungen. Bloom ist wie die Suche nach einem neuen Naturverständnis. Jeder in der Branche wird angesprochen: Züchter, Produzenten, Käufer, Groß- und Einzelhändler bis hin zum Floristen. So verleiht das Magazin dem Gartenbau eine neue Stimme.

Portrait of a flower

Ein wildes Bouquet

„Seit 1987 dominieren Blumen in meinen Trendpräsentationen. Dieser Trend ist so gewaltig und stark und so mit der Modewelt verwoben, dass ich ihn einfach nie übergehen kann. Aber Blumen wollen nicht immer nur schön sein. Sie wollen die gewohnte Ästhetik überwinden. Alles muss wilder werden. Verrückter. Sträucher und Bäume werden zu Schnittblumen, die Blätter von Sträuchern wollen in einer Vase stehen und Schnittblumen wollen einfach nur wie Büsche gepflanzt werden. Das gilt auch für Pflanzen wie große Palmen und Bananenbäume. Monochrome Sträuße bin ich ebenfalls leid. Heute wollen wir ganz vielfältige Sträuße, so als hätte man sie selbst gepflückt. Jeden Strauß gibt es nur ein einziges Mal. Und nach den Feldsträußen werden wir auch Waldsträuße lieben. Ein schönes wildes Bouquet mit verrücktem Styling. Blumen wollen nicht mehr so ernst genommen werden. Man muss einfach damit anfangen, Dinge zu kombinieren, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören!”

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Fotographie Rogerio Cavalcanti, Daniel Pipe, Simon Procter und Sabine Pigalle

„GENAU WIE DIE ROMANTIKER DAMALS, SIND DIE MENSCHEN HEUTE WIEDER HALS ÜBER KOPF IN DIE NATUR VERLIEBT, DURCH DEREN AUSMASS WIR UNS KLEIN FÜHLEN_______.“

Glückseligkeit durch Pflanzen

Ihre Liebe für Blumen und Pflanzen ist tief in ihrer Seele verwurzelt. Schon seit 1987 spielen Blumen eine äußerst wichtige Rolle in ihren Trendpräsentationen. Sie ermöglichen ihr auf eine ganz persönliche Art und Weise das Leben zu feiern, mit einem Highlight im Jahr 2012, einer Präsentation, in der die Erde und alles, was wir dort finden können, als Inspirationsquelle dienten. Ein Manifest, das die Schönheit und die Kraft der Natur zusammenbringen sollte, um ihr wieder die Achtung entgegenzubringen, die ihr zusteht. „Eine Analyse der Erde und all ihrer Komponenten erzeugt eine Fülle von Ideen, dies in Formen, Materialien und Farben zu übersetzen. Unsere Beziehung zur Natur wird zu einer Beziehung, in der wir nicht nur nehmen, sondern auch geben und uns umeinander kümmern. Als verletzliche Wächter des Landes teilen wir die Erde mit unseren Pflanzen und Bäumen. Wir erleben eine tiefe Form der Ökologie, die uns Menschen als gefährdete Art einschließt", verkündet sie.

Leidenschaftlich

Wer jahrelang ihren Vorträgen gefolgt ist, kennt Lidewij als vor Energie sprühende, inspirierte Frau, die für die gute Sache kämpft. Fast wie eine Aktivistin beeinflusst sie ihr Publikum. Für die Natur, für die Erde mit dem Manifest „Earth matters“ und seit kurzem auch für ein neues System in der Mode, mit dem „Anti-Fashion Manifest“. „Alles wird immer billiger und billiger. ‘Sie kommen sogar mit Mord durch’. Ja, ich sehe das wirklich so. Kleidung ist so billig, sie kostet weniger als ein Croissant. Aber denken Sie einmal an die Produktionskette: Erst muss die Baumwolle ausgesät, kultiviert und dann geerntet werden. Im besten Fall wird sie gekämmt, gesponnen, gestrickt, verarbeitet, gelabelt, verpackt, transportiert, wieder ausgepackt, gebügelt und an eine Kleiderstange gehängt. Wie ist es dann möglich, sie so billig anzubieten? Wenn man die gesamte Kette betrachtet, ist es unmöglich Kleidung zu produzieren, die nur ein paar Euro kostet. Der Konsument liebt die niedrigen Preise und ist noch nicht so weit, diese zu boykottieren. Ich fordere einen politischen Mindestpreis für T-Shirts, Slips und so weiter. Das darf einfach nicht mehr lange so weitergehen.“

Transnatur

„Die Menschen schmücken sich mit der Natur, als wäre sie ein Kleidungsstück. Wir sehen, dass die Pflanze als eine wichtige Illusion von Bekleidung in den Fokus rückt. Sie umarmt den Körper mit ihren störrischen und miteinander verflochtenen Ranken. Blätter werden zu Ärmeln, Blütenblättern fungieren als Mützen, Blütenkronen gehen als Röcke durch und aufdringliche kriechende Pflanzen werden zum exquisiten Schmuckstück. Ein viktorianischer Traum erwacht zum Leben, in dem sich die botanische Welt einmischt und sich ein organischer Lebensstil formiert“, so Lidewij Edelkoort. Die organischen Güter werden nicht nur konsumiert, es entsteht vielmehr ein ganzheitliches System der Verbundenheit, mit dem intuitiven Instinkt überleben zu wollen. „Genau wie die Romantiker damals, sind die Menschen heute wieder Hals über Kopf in die Natur verliebt. Durch ihr Ausmaß fühlen wir uns klein, ihre Geräusche lassen uns verstummen und ihre Funktionsfähigkeit relativiert unsere Bedeutung. So entsteht ein tiefes Verständnis dafür, dass wir voneinander abhängig sind _______.“

„GENAU WIE DIE ROMANTIKER DAMALS, SIND DIE MENSCHEN HEUTE WIEDER HALS ÜBER KOPF IN DIE NATUR VERLIEBT, DURCH DEREN AUSMASS WIR UNS KLEIN FÜHLEN_______.“

Glückseligkeit durch Pflanzen

Ihre Liebe für Blumen und Pflanzen ist tief in ihrer Seele verwurzelt. Schon seit 1987 spielen Blumen eine äußerst wichtige Rolle in ihren Trendpräsentationen. Sie ermöglichen ihr auf eine ganz persönliche Art und Weise das Leben zu feiern, mit einem Highlight im Jahr 2012, einer Präsentation, in der die Erde und alles, was wir dort finden können, als Inspirationsquelle dienten. Ein Manifest, das die Schönheit und die Kraft der Natur zusammenbringen sollte, um ihr wieder die Achtung entgegenzubringen, die ihr zusteht. „Eine Analyse der Erde und all ihrer Komponenten erzeugt eine Fülle von Ideen, dies in Formen, Materialien und Farben zu übersetzen. Unsere Beziehung zur Natur wird zu einer Beziehung, in der wir nicht nur nehmen, sondern auch geben und uns umeinander kümmern. Als verletzliche Wächter des Landes teilen wir die Erde mit unseren Pflanzen und Bäumen. Wir erleben eine tiefe Form der Ökologie, die uns Menschen als gefährdete Art einschließt", verkündet sie.

Leidenschaftlich

Wer jahrelang ihren Vorträgen gefolgt ist, kennt Lidewij als vor Energie sprühende, inspirierte Frau, die für die gute Sache kämpft. Fast wie eine Aktivistin beeinflusst sie ihr Publikum. Für die Natur, für die Erde mit dem Manifest „Earth matters“ und seit kurzem auch für ein neues System in der Mode, mit dem „Anti-Fashion Manifest“. „Alles wird immer billiger und billiger. ‘Sie kommen sogar mit Mord durch’. Ja, ich sehe das wirklich so. Kleidung ist so billig, sie kostet weniger als ein Croissant. Aber denken Sie einmal an die Produktionskette: Erst muss die Baumwolle ausgesät, kultiviert und dann geerntet werden. Im besten Fall wird sie gekämmt, gesponnen, gestrickt, verarbeitet, gelabelt, verpackt, transportiert, wieder ausgepackt, gebügelt und an eine Kleiderstange gehängt. Wie ist es dann möglich, sie so billig anzubieten? Wenn man die gesamte Kette betrachtet, ist es unmöglich Kleidung zu produzieren, die nur ein paar Euro kostet. Der Konsument liebt die niedrigen Preise und ist noch nicht so weit, diese zu boykottieren. Ich fordere einen politischen Mindestpreis für T-Shirts, Slips und so weiter. Das darf einfach nicht mehr lange so weitergehen.“

Transnatur

„Die Menschen schmücken sich mit der Natur, als wäre sie ein Kleidungsstück. Wir sehen, dass die Pflanze als eine wichtige Illusion von Bekleidung in den Fokus rückt. Sie umarmt den Körper mit ihren störrischen und miteinander verflochtenen Ranken. Blätter werden zu Ärmeln, Blütenblättern fungieren als Mützen, Blütenkronen gehen als Röcke durch und aufdringliche kriechende Pflanzen werden zum exquisiten Schmuckstück. Ein viktorianischer Traum erwacht zum Leben, in dem sich die botanische Welt einmischt und sich ein organischer Lebensstil formiert“, so Lidewij Edelkoort. Die organischen Güter werden nicht nur konsumiert, es entsteht vielmehr ein ganzheitliches System der Verbundenheit, mit dem intuitiven Instinkt überleben zu wollen. „Genau wie die Romantiker damals, sind die Menschen heute wieder Hals über Kopf in die Natur verliebt. Durch ihr Ausmaß fühlen wir uns klein, ihre Geräusche lassen uns verstummen und ihre Funktionsfähigkeit relativiert unsere Bedeutung. So entsteht ein tiefes Verständnis dafür, dass wir voneinander abhängig sind _______.“

Text
Nancy Berendsen

Fotografie
Mit dank an: Lucas Golen, Daniel Pype, Evan Beth, Jasmin Storch, Milliroze, Marie Taillefer, Rogerio Calvalcanti, Ruy Teixeira, Sabine Pigalle, Simon Procter, Doswell und McLean, Amira Fritz.